«Jugendarbeit lebt davon, dass die Jungen mitgestalten dürfen»

882A6666 (Foto: Angelika Nido)

Fast drei Jahrzehnte lang war Jacqueline Käs-Dermon als Jugendarbeiterin für die reformierte Kirche tätig. In dieser Zeit hat sie Generationen von Jugendlichen in Wallisellen begleitet, ermutigt und inspiriert. Nun verabschiedet sie sich in den Ruhestand – mit Dankbarkeit, bleibenden Erinnerungen und Freundschaften sowie der Vorfreude auf ein neues Leben im Bündnerland, wo sie ihre kreative Seite noch stärker ausleben möchte.
Text: Angelika Nido
Lila Haare, ein kunterbunter Hoodie, Glitzer an den Schuhen und ein ansteckendes Lachen – schon ihr Äusseres verrät, wie viel Kreativität und Lebensfreude in Jacqueline Käs stecken. Ihre Augen funkeln, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Sprudelnd, ohne Punkt und Komma, erzählt die 64-Jährige von Begegnungen, Projekten und Momenten, die sie geprägt haben. «Eigentlich bin ich ein Workaholic. Ich arbeite mit Leib und Seele», sagt sie lachend.
27 Jahre hat sie als Jugendarbeiterin der reformierten Kirche Generationen von jungen Menschen begleitet, ermutigt und inspiriert. Nun tritt sie Mitte Dezember ihre wohlverdiente Pensionierung an – ohne Wehmut, aber voller Dankbarkeit und mit grosser Freude auf das Kommende: «Ich habe mich drei Jahre lang auf diesen Moment vorbereitet. Für mich beginnt im Bündnerland ein neues Kapitel.»

Von Davos nach Wallisellen
Und gleichzeitig schliesst sich der Kreis. Denn Jacqueline Käs ist schon in Graubünden aufgewachsen, in Davos, wo sie bis zu ihrem achten Lebensjahr lebte. Danach zog die Familie erst nach Dietlikon und Jacqueline Käs dann mit ihrem späteren Ehemann Daniel Käs nach Wallisellen in ein altes Bauernhaus. «Ich bezeichne Davos bis heute als meine Heimat – aber wohnen möchte ich dort nicht mehr», erzählt sie. In die Berge zieht es sie dennoch zurück: Die Höhenluft tut ihr gesundheitlich gut, besonders seit sie unter den Spätfolgen von Long Covid leidet.
Ihr erster Beruf hatte nichts mit der Kirche oder Jugendarbeit zu tun: Sie lernte Herrenmassschneiderin – und war damit eine Pionierin, denn sie gehörte zu den ersten Frauen, die diesen Beruf erlernen durften. Sie arbeitete einige Jahre in einem grossen Modehaus, dann bei einem Uniformenhersteller. Auf einer Reise nach Paris spürte sie, dass es Zeit für eine Veränderung war. Ehrenamtlich hatte sich Jacqueline Käs da schon viele Jahre in der reformierten Jugendarbeit in Dietlikon engagiert. Sie half bei vielen Projekten mit und begleitete Jugendliche in Konfirmations- oder Ferienlager. «Irgendwann wurde mir klar, dass ich das zu meinem Beruf machen wollte», erinnert sie sich.

Freie Hand für Ideen und Projekte
Es war Zufall – oder eine Fügung des Schicksals –, dass die reformierte Kirche Wallisellen just zu diesem Zeitpunkt eine Jugendarbeiterin suchte. 1998 trat Jacqueline Käs diese Stelle an, zwei Jahre später begann sie berufsbegleitend mit der anspruchsvollen, sechsjährigen Ausbildung zur Sozialdiakonin, zu der auch eine umfassende theologische Schulung gehörte. Dabei war sie lange konfessionslos und liess sich erst mit 30 Jahren taufen.
Von Anfang an hatte Jacqueline Käs grossen Gestaltungsspielraum – und sie nutzte ihn. «Das gefiel nicht immer allen», erinnert sie sich schmunzelnd und erzählt vom Projekt «Rock the Church», bei dem Jugendliche mit ihrer Musik in der Kirche auftraten. Es wurden kritische Stimmen laut, doch der Erfolg gab ihr recht: Meist besuchten über 250 Personen die Konzerte – auch viele, die man sonst kaum im Gottesdienst sah. Ein Moment bleibt Käs besonders in Erinnerung: «Die heute über die Schweiz hinaus bekannte Popband Baba Shrimps hatte bei uns ihren ersten Auftritt!»
Die engagierte Jugendarbeiterin brachte noch viele weitere Projekte auf den Weg, die heute fest im Programm der Jungen Kirche verankert sind: So zum Beispiel die «Spaghetti-Andachten», bei denen nach einer Feier in der Kirche gemeinsam gekocht wurde, die Verteilung des Friedenslichts durch Jugendliche an Senioren, der ökumenische Jugendgottesdienst «Forest Point» im Hardwald oder die «Chatz us em Sack», ein wechselndes Überraschungsangebot. Der rote Faden, der sich durch alle Projekte von Jacqueline Käs zog, war die aktive Beteiligung: «Jugendarbeit lebt davon, dass die Jungen mitgestalten dürfen.»
Besonders am Herzen lag ihr die Arbeit mit den Jungleiterinnen und Jungleitern – Jugendliche, die selbst Verantwortung übernehmen und jüngere Teilnehmende begleiten. «Junge leiten Junge – das ist unschätzbar wertvoll», sagt sie. Mit ihrer Begleitung organisierten sie eigenständig Lager, Ausflüge oder Spielnachmittage und wuchsen dabei über sich hinaus. Käs griff nur ein, wenn es um Sicherheit oder Finanzen ging, ansonsten liess sie den Jugendlichen viel Raum für eigene Ideen.

Zuhören und junge Menschen ernst nehmen
Ihr Schlüssel zu den Jugendlichen waren nicht grosse Konzepte, sondern Nähe, Interesse und echtes Zuhören. Die jungen Menschen wussten, dass sie bei Jacqueline Käs stets ein offenes Ohr und Verständnis fanden. Über Jahre führte sie ein digitales «Kummerkästchen» auf der Webseite, in das Jugendliche ihre Nöte, Fragen und Gedanken eintippen konnten. «Jede Sorge zählt. Für Jugendliche kann der erste Liebeskummer sehr einschneidend sein», weiss sie. Gerade weil ihre eigene Jugend nicht einfach war, war ihr diese Haltung wichtig. Viele junge Menschen fanden bei ihr Halt, Trost und Orientierung. Und nicht wenige dieser Verbindungen blieben über Jahre bestehen: Noch als Erwachsene suchen frühere Jugendliche den Kontakt und teilen Lebensereignisse mit ihr. Manche begleiten Käs bis heute – so wie die ehemalige Jungleiterin Joy Wegmüller, die sich trotz Wegzug noch immer mit viel Herzblut als Freiwillige in der Walliseller Jugendarbeit engagiert. Oder Adi Kübler, Frontmann der Baba Shrimps, der sie «meine Jugendarbeiterin, Freundin und ein bisschen zweites Mami» nennt.

Die Jugend im Wandel
In den 27 Jahren bei der reformierten Kirche hat Jacqueline Käs viel Veränderung erlebt. «Die Pandemie hat Spuren hinterlassen», sagt sie nachdenklich. «Jugendliche haben heute mit ganz anderen Herausforderungen zu tun als früher – sie stehen unter grösserem Druck, sind vernetzter, aber auch verletzlicher.» Gleichzeitig beobachtet sie, dass der Austausch und gemeinsame Tätigkeiten wie das Spielen in den Familien seltener geworden sind. Das Handy ist heute ein ständiger Begleiter der jungen Generation. Im Jugendraum der reformierten Kirchgemeinde, wo es lange keinen Empfang gab, erlebten die jungen Menschen, wie wohltuend solche Pausen von der digitalen Welt sein können. «Dann sind sie einfach da, ganz ohne Ablenkung», erinnert sich Jacqueline Käs schmunzelnd. Doch statt die moderne Technik zu verteufeln, suchte sie den kreativen Umgang damit: Unter ihrer Anleitung drehten Jugendliche Kurzfilme am Handy, führten Online-Projekte durch oder recherchierten für Unterricht und Andachten. «Man muss die Lebenswelt der Jungen einbeziehen – nur so kann man sie wirklich erreichen», ist sie überzeugt.

Ein zweites Zuhause geschaffen
Der Jugendraum im neuen reformierten Kirchgemeindehaus ist ein Sinnbild für die Arbeit von Jacqueline Käs: eingerichtet, gestaltet und bemalt von den Jugendlichen selbst. Als ein Pfarrer einmal meinte, der Raum sei etwas schmuddelig, verteidigten ihn die Jugendlichen entschieden: «Das ist unser zweites Zuhause!» Für die Jugendarbeiterin war das der grösste Erfolg – dass junge Menschen ihr Vertrauen schenkten, sich angenommen fühlten, ihre Energie und Talente einbringen konnten und positive Erinnerungen mitnahmen, die oft bis ins Erwachsenenalter nachhallten.
Die reformierte Kirchgemeinde ist derzeit auf der Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger für Jacqueline Käs. Diese Person wird in grosse Fussstapfen treten, aber auch auf eine solide, lebendige Grundlage aufbauen können.
Für die abtretende Sozialdiakonin beginnt Mitte Dezember ein neuer Lebensabschnitt. Sie und ihr Mann haben das alte Bauernhaus in Wallisellen verkauft und in Surin im Val Lumnezia, einem ruhigen, abgeschiedenen Seitental der Surselva, ihren Kraftort gefunden. Der neue Wohnort bietet viel Platz für Gäste, und Jacqueline Käs wäre nicht Jacqueline Käs, wenn sie nicht schon unzählige Ideen und Pläne für die Zukunft hätte: kreative Kurse, ein offenes Atelier, vielleicht irgendwann einmal kleine Ausstellungen. «Ich freue mich darauf, nur noch das zu tun, was ich will.»
Aus Wallisellen verabschiedet sich Jacqueline Käs nicht still und leise – das wäre nicht ihre Art. Noch einmal zündet sie als Regisseurin ein kreatives Feuerwerk: Gemeinsam mit «ihren» Jugendlichen, Gemeindemitgliedern sowie Seniorinnen und Senioren probt sie zurzeit den Kirchenkrimi «Du sollst nicht flöten» von Autor Paul Hulliger, der am Sonntag, 30. November, um 10 Uhr als Teil des Familiengottesdienstes aufgeführt wird.
Bereitgestellt: 20.11.2025     Besuche: 81 Monat