Csongor Gede berichtet aus der Ukraine
Mitte Januar 2023 konnte Pfarrer Csongor Gede, aus Cluj-Napoca (Klausenburg), einen Transport mit Hilfsgütern (Generator, Solarlampen, Gasflaschen, Kerzen und Lebensmittel in die Ukraine machen.
Ulrike von Allmen,
Csongor Gede schreibt:
Wenn wir jetzt eine Liste machen müssten, was die drei wichtigsten Dinge wären, die den Alltag der ukrainischen Bevölkerung erleichtern würden, müssten wir diese Punkte nennen:
1. die Erhaltung des Unterrichtsniveaus der Kinder
2. die Sicherstellung der Stromversorgung und
3. die Versorgung der älteren Generation mit Nahrung.
Wenn man in der Ukraine unterwegs ist, trifft man oft auf Militärkontrollpunkte, die ein hervorragendes Mittel sind, junge Männer abzufangen und in den Militärdienst zu schicken. Mehrere junge Väter verstecken sich, da sie grosse Angst haben, an die Front zu gehen. Sie gehören zu einer Generation, die an den Frieden gewöhnt ist, darum ist das Militär für sie abschreckend. Hauptsächlich, weil das Niveau der Militärausbildung und der Wert des Menschenlebens in der Ukraine ganz tief ist.
Die ungarischsprachigen jungen Männer zogen nach Ungarn und an ihre Stelle traten ukrainische Flüchtlinge aus der Umgebung von Charkiw und Kiew. Es sind nur Halbfamilien: Mütter kommen mit ihren Kindern von der Front. In den Kirchen, Schlafsälen in Kirchgemeindehäusern und Schulen können sie Unterschlupf finden.
Zuerst gingen die Männer aus vielen Gebieten der Ukraine ins Ausland. Damals dachten natürlich alle, dass es nur für eine kurze Zeit ist, bis der Krieg vorbei ist. Aber die Kämpfe nehmen kein Ende und die Aussicht auf Frieden scheint immer unerreichbarer zu sein. Je länger die Männer weg sind, desto grösser ist die Sehnsucht der Familien, mit ihren männlichen Angehörigen wieder vereint zu sein.
Auch den Menschen in Perehrestya, wohin wir einen Stromgenerator, Solarbatterielampen, Gasflaschen, viele, viele Kerzen und haltbare Lebensmittel – dank der finanziellen Unterstützung der Reformierten Kirche Wallisellen – liefern durften, blieb nur die Hälfte der 1000 Mitglieder der reformierten Kirchgemeinde im Dorf. Es sind meistens die Älteren, die ohne Unterstützung zurückblieben, die Witwen, die niemanden haben, zu dem sie ins Ausland gehen können und einige jüngere Familien, die sich um ältere Familienmitglieder kümmern. Wenn eine Familie noch in der Ukraine lebt, aber der Sohn nähert sich dem 18. Geburtstag, wachsen die Sorgen und der Kummer. Die Teenager möchten nicht unbedingt weggehen. Sie träumen nicht davon, in ein fremdes Land zu gehen und ein neues Leben bei null anzufangen. Sie möchten lieber die Nähe ihrer Eltern und unbeschwerte Jugendjahre geniessen.
Auch das Leben der zu Hause gebliebenen Kinder ist nicht einfach. Der Pfarrer und seine Frau halten den Religionsunterricht und organisieren die Freiwilligenarbeit, bei der auch die Kinder helfen, der alten Bevölkerung das kostenlose Mittagessen auszuteilen.
Der Schulalltag ist für die Kinder in der Ukraine ganz anders geworden. Sie werden in der Schule auch darin geschult, wie sie sich im Falle eines Luftangriffs verhalten müssen, wo es Bunker gibt, wohin sie fliehen können.
Ukrainische und ungarische Hinweisschilder zeigen mit grünen Pfeilen auf dem Flur in der Schule, wo der nächste Schutzpunkt ist. Wenn die Flugsicherung sich per Telefon meldet oder die Sirenen ertönen, nutzen sie diese Bunker. Dies ist jedoch kein bequemer Ort, nicht vergleichbar mit einem sicheren Schweizer Bunker, eher ein dunkler, trostloser, deprimierender Keller, in dem mehrere Kinder stundenlang bangen müssen, bis der Luftalarm zu Ende ist.
Die Arbeiter, die zu Hause in der Ukraine blieben, haben sehr kleine Gehälter. Die Renten fallen noch niedriger aus. Vorerst ist nur der Strom Mangelware, aber die Unsicherheit ist bedrückend, wann und wie schnell das eine oder andere Produkt auch noch knapp wird oder wie schnell das magere Einkommen der Menschen entwertet wird. Und es ist auch nicht absehbar, wie lange diese kleine Gemeinschaft noch zusammenbleibt, wenn dieser sinnlose Krieg nicht bald endet. Also lasst uns für sie beten und Gott bitten, dass dieser Krieg so schnell wie möglich beendet wird.